Eine Geschichte ist dieses Jahr bei mir besonders hängengeblieben. Und das Verrückte dabei: Diese Geschichte ist wahr. Mit all ihren Facetten.

Sie handelt von einem Mann, der noch mit über 60 Jahren bei seiner über 90-jährigen Mutter wohnt. Der seit seiner Geburt weder hören, noch seit Jahrzehnten sehen kann. Dessen dementer Vater jetzt gestorben ist. Er wird mit seiner Mutter umziehen. Damit die beiden die nächsten Jahre klarkommen.

Wer bis hierhin gelesen hat, macht jetzt vielleicht ein betroffenes Gesicht. Hatte ich zumindest brav gemacht…

Okay, dann erzähle ich mal weiter: Dieser Mann wird eine Wohnung kaufen. Auf dem völlig überteuerten Immobilienmarkt in Köln. Aus der Westentasche. Aus seiner Westentasche. Denn er hat richtig (also: richtig!) viel Geld. Weil er schon seit Jahrzehnten mit Aktien spekuliert und ein sehr gutes Händchen dafür hat.

Mir stand der Mund offen, als ich das hörte. Wie schnell war auch ich in die Mitleidsfalle getappt, wie laut rief es dann in meinem Kopf: „Trotz seiner Behinderung?“

Äh, ja, da war sie wieder, die Vorurteilsfalle. Ruckzuck ziehen wir Schubladen auf und stopfen alles hinein, was irgendeinem Schema entsprechen könnte.

Diesen Schubladen begegne ich selbst regelmäßig. Weitläufige Bekannte, die mich auf der Straße im Rolli sehen, reden gleich nach der Begrüßung nur noch über Kramkheiten. Das scheint die einzige denkbare Schublade angesichts meines rollenden Untersatzes zu sein…

Es gibt sie nicht, diese Schemata. Sie sind ein Gedankenkonstrukt, mehr nicht. Klar, das Leben dieses taubblinden Mannes ist sicher anders, birgt Herausforderungen, denen die meisten Menschen nie begegnen. Aber unterscheidet es sich wirklich sooo von all den anderen? Oder ist jedes einzelne Leben nicht eine ganz eigene Welt, die wir erst einmal in Ruhe betrachten und hinterfragen sollten, bevor wir uns ein Bild machen?

Mich hat diese Geschichte auf jeden Fall zum Nachdenken über mich selbst und meine Bilderwelt gebracht.

Mach was draus.